„Das Flüstern der Marsch“ ist – sehr, sehr passend zum Titel – ein sanftes Buch, ein leises Buch. Es präsentiert sich unaufdringlich. Ja, an vielen Stellen wirkt es fast zögerlich. Wir möchten mehr erfahren über Hintergründe, möchten mehr verstehen. Doch es erscheint, dass die Protagonisten nicht primär an der Lösung interessiert sind. Sie sind zu sehr verstrickt in ihren persönlichen Leiden, Wegen und Problemen. All diese Personen wirken sehr real. Sehr normale Menschen, ja vor allem Frauen. Sie und ihre Lebensentscheidungen, die Entscheidungen über sich und ihre – gewollten und ungewollten – Kinder, stehen im Mittelpunkt des Werkes. Autorin Katja Keweritsch schaffte eine ruhige, oft fast entspannte Atmosphäre und erzählt doch gleichzeitig eine Geschichte mit vielen Geschichten voller Leid und Dramatik.
Christentum | Peter Heather
n all seinen Ausmaßen hat Autor Peter Heather mit seinem Werk „Christentum“ ein wirklich beeindruckendes Buch über den Aufstieg des Christentums zur Weltreligion geschrieben. Mit 800 Seiten und einem Gewicht von ca. 1,3 kg kommt hier (allein schon quantitativ) ein echtes Schwergewicht des Wissens und der Bildung auf uns zu. Allein dieser Umfang dieser enormen wissenschaftlichen Arbeit begeistert. Für alle Leser mit einer Leidenschaft zur Geschichte ist Heathers Werk eine wahre, gut organisierte, detailreiche und erlebnisreiche Fundgrube. Heather selbst erklärt und vergleicht das große Ausmaß seines Werkes mit einem Mosaik, dessen einzelnen Steine man sich natürlich mit einem Vergrößerungsglas anschauen kann. Sein Werk jedoch versucht das Gesamtbild des Mosaiks darzustellen.
Wie wurden die Begriffe Europa und Christentum deckungsgleich? Heather starten mit Kaiser Konstantin (um 300), hinterfragt seine Motive, das Christentum zur Staatsreligion zu erheben und deckt „Step by Step“ das geschickte Vorgehen des Herrschers auf. Sein Buch erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 1500 Jahren – von der Sekte bis zum größten Machtfaktor Europas.
Kampf gegen die Alb | Claire Edwards
Erschienen im Gmeiner-Verlag (Rezensionsexemplar, also Werbung) Menschen aus dem Alltag Eine wilde, bunte Mischung von…
Hope in Action – Die Zukunft gehört uns | Sanna Marin
atürlich schreiben viele Politiker und Politikerinnen ihre Biografie, ihr Vermächtnis…aber mit 39?
Ja, denn Sanna Marin hat sehr viel zu erzählen. Sei es als ehemalige jüngste Regierungschefin einer westlichen Demokratie, sei es als Frau in der Politik, sei es als absolute Verfechterin eines funktionierenden und echten Sozialstaats. Als sie ihr Amt in Finnland 2019 antrat, war sie 34 Jahre alt und stand – so wie sie auch in allen anderen Industrienationen gestanden hätte – unter besonderer Beobachtung? So jung? Eine Frau und Mutter? Schafft sie das? Hält sie den Druck aus? Und was darf – nach gesellschaftlicher Meinung – eigentlich eine solche Frau in der Öffentlichkeit? Tanzen?
Die charismatische und intelligente Sanna Marin steht für eine neue Art der Politik, steht für eine neue Art von Frauen in der Politik. Somit ist der Titel ihres Buches fabelhaft passend gewählt: „Hope in Action – Die Zukunft gehört uns.“ Das wäre ihr und ähnlichen Vertreterinnen in der Politik zu wünschen.
Das Buch ist bei weitem keine reine Biografie, sondern Aufforderung, Erfahrungen, aktueller Blick auf die Welt. Bewundernswürdig ist die Motivation für die Demokratie, die so viel positive Energie ausstrahlt und die sie scheinbar – selbst nach deutlichen Rückschlägen und Niederlagen – sich nicht hat nehmen lassen. Es geht um Werte – sich nicht zu verbiegen.
Thomas Mann macht Ferien – Ein Sommer am See | Kerstin Holzer
Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (Rezensionsexemplar, also Werbung) Wir schauen zu Nie sind wir wohl…
Es ist unser Land | Michel Abdollahi
Erschienen bei Hoffmann und Campe (Rezensionsexemplar, also Werbung) Wortstark, Haltung, Hoffnung Die Person Michel Abdollahi…
Knochenkälte | Simon Beckett
Es braucht nicht zu viel Vorstellungskraft, wenn man bei aller Bekanntheit und Popularität des Autors nur ansatzweise durchdenkt, wie hoch wohl der Druck auf Simon Beckett gewesen sein muss, nun, nach sechs Jahren einen weiteren Band der David-Hunter-Serie zu schreiben (Kurzgeschichte zum Thema nicht mitgerechnet). Wie mutig darf man da sein und neue Wege einschlagen, ungewohnte Wendungen? Und wie sehr sollte man in den gewohnten Gefilden eines “normalen “Thrillers bleiben, um das Publikum „mitzunehmen“. Zumindest mit der Wahl des Settings des Thrillers „Knochenkälte“ war Beckett weniger mutig. So lässt er Dr. David Hunter in einem Closed-Circle-Setting (oder Isolated Setting) recherchieren, einem Setting, das wir schon in klassischen Kriminalfällen von Agatha Christie und Steven King kennen. Der Held muss in einer räumlich von der Außenwelt abgeschnittenen Umgebung, auf sich alleingestellt, im Kreise einer sehr übersichtlichen Anzahl an Tatverdächtigen, ermitteln. Ständig ist er somit selbst gefährdet. Die Idee ist also wahrscheinlich so alt, wie das Krimi/ Thrillerschreiben überhaupt (und trotzdem lieben wir es immer wieder). Aber Beckett wäre nicht Beckett, wenn er dies nicht im Besonderen nutzt. Hier zeigt sich, dass ein Meister des modernen britischen Thrillers das „Heft in der Hand hält“. Nichts wirkt flach und konstruiert, sondern wir glauben unserem „Freund“ und altem Wegbegleiter „Dr. Hunter“ natürlich sofort die Geschehnisse, an denen er uns teilhaben lässt. Trotz unserem Wissen um Thrillerdramatik: Beckett lässt es leben, unterhält uns mit Spannung und wir müssen mit allem rechnen. Respekt, das funktioniert!
Die Buddenbrooks – Verfall einer Familie | Thomas Mann
Es erscheint in der großen weiten Welt der Bookblogger, Bücherliebhaber und -freaks so zu sein, dass wir alle nicht nur gerne Bücher lesen, sondern sie auch sammeln. Und zu dieser Sammelleidenschaft gesellt sich – wie automatisch – die Freude über „schöne Bücher“, die ihren literarischen (immateriellen) Wert, auch in Form, Druck, künstlerischer Darbietung, durchdachtem Design, ästhetischen und hochwertigen Material und vielem darüber hinaus, präsentieren. Ein solches exklusives Buch ist nun die Ausgabe zum 125-jährigen Jubiläum des Weltklassikers „Buddenbrooks“ von Thomas Mann.
Heute werde ich nur kurz auf den Inhalt oder den Autor eingehen, denn in der Welt der Buchbegeisterten muss ich wahrscheinlich wenig über den Inhalt des großen dramatischen Romans, noch über seinen Autor Thomas Mann erzählen. Beides ist internationale und (im Speziellen) deutsche Literaturgeschichte und wer es noch nicht kennt, dem rate ich wirklich dringend dies nachzuholen. Auch wenn das Werk in seinem großen Umfang uns fordert, auch wenn die Sprache Thomas Manns uns ebenfalls fordert, es ist nach wie vor eindrucksvoll, was mit und in unserer Sprache möglich ist.
Heute aber soll es, im Jahr des 150. Geburtstags Thomas Mann, vor allem um diese besondere Ausgabe gehen. Sie wird nun zukünftig als ein Highlight in so mancher unserer Bibliotheken – ja, als etwas ganz Besonders in den Zentren der Buchsammler stehen.
Ali Khamenei | Ali Sadrzadeh
Autor Sadrzadeh ist für uns ein Glücksfall
Ali Khamenei, der oberste religiöse Führer und somit die absolute Macht im Iran, ist wohl eine der undurchschaubarsten Persönlichkeiten dieses Landes. Sein Verhalten ist im Höchstmaß ambivalent. Hinter einer religiösen Fassade zeigt sich ein machtpolitisch gewiefter, flexibler, rhetorisch-trainierter Mann. Ali Sadrzadeh hat uns nun eine Biografie Khameneis vorgelegt, die uns diesen nicht nur als undurchsichtigen Politiker präsentiert, sondern eine Biografie, die uns die – für uns Außenstehenden – oft schwierigen Verhältnisse, Strukturen und Vorgehensweisen im Iran näher bring.
Autor Sadrzadeh (selbst mit iranischem Hintergrund) zeigt sich hier immer wieder als fabelhafter Guide für uns, der uns durch diese – doch so unbekannte – Welt, ihrer Selbstverständlichkeiten, Normen und Werte, aber auch ihre gefährlichen Fallen und Tücken für die handelnden Personen, führt. Es ist eine große Hilfe, den Iran durch einen solchen absoluten Kenner der Traditionen und der Kultur (vor allem der Sprache) kennenzulernen. Niemand sonst hätte uns wohl sonst erklären können, wie ein Mann, der ständig unterschätzt wurde, in den Wirren der revolutionären Jahre zum Ende der 70er hier an die Macht kommen, und diese nunmehr über 36 Jahre erhalten konnte.
Down Cemetery Road | Mick Herron
Ich muss zum Auftakt direkt zugeben, dass ich in der großen Welt der Literatur, den vor Jahren beginnenden Hype über Mick Herrons “Slow Horses” – trotz meiner riesigen Affinität zur Metropole London – verpasst habe. Ich wurde auf Herron erst aufmerksam, als die entspreche Streamingserie startete. Im Nachhinein – mit meinem heutigen Wissen über Herrons literarische Fähigkeiten – ist mir nun mehr als nur ansatzweise bewusst, welches intelligente, wunderbar ironische Lesevergnügen ich so wohl verpasst habe. Meine Reise durch „Down Cemetery Road“, welches nun ebenfalls ab dem 29.10.2025 auf Apple TV+ als Serie starten wird, hat mir verdeutlicht, dass ich dringend die anderen Werke Mick Herrons lesen muss.
Seine Sprache ist ein herrlicher Genuss. Der süffisante, britische (von Ironie und Sarkasmus geprägte) Sprachwitz oder auch die besondere Komposition des Aufbaus (seien es einzelne Szenen oder die Gesamtkonstruktion), sind eine perfekte Mischung aus Unterhaltung und Sprachkunst. All das zeigt einen Autor, der nicht nur geschickt einen Kriminalroman konstruiert, sondern narrenhaft den Spiegel über die absurden Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft vorhält. Und oft, ja sehr oft, treffen wir dabei skurrile Gestalten, wie wir sie kennen oder vielleicht gar uns selbst?